#333 – Pokémon Picross

#333 – Pokémon Picross

Wir schreiben das Jahr 1999. Nintendo reitet mit seinen Pokémon-Spielen der ersten Generation (Rot und Blau im Westen, Rot und Grün in Japan) auf der Welle des Erfolges und die zweite Spiele-Generation (Gold, Silber und Kristall) steht bereits in den Startlöchern.

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Was macht man, wenn man ein erfolgreiches Franchise etabliert hat? Richtig, man melkt es. Und wie geht so was? Nun, man veröffentlicht zahlreiche Spin-offs zu den Hauptspielen, alle thematisch passend zur Erfolgsserie rund um die Taschenmonster. Dazu gehören so Titel wie „Pokémon Pinball“ oder das „Pokémon Trading Card Game“.

Fun Fact: Während ich die Flippersimulation geliebt und als Teenager auf meinem Game Boy Color rauf und runter gespielt habe, konnte ich mit dem Trading Card Game nie so recht was anfangen. Der Sinn, virtuelle Spielkarten zu sammeln und damit zu spielen, hat sich mir noch nie so recht erschlossen. Wenn dann habe ich mit den „echten“ Pokémon-Sammelkarten gespielt! 🙂

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Um die Zeit bis zur Veröffentlichung der zweiten Generation der Hauptserie (also Gold und Silber) zu überbrücken, soll in der zweiten Jahreshälfte 1999 ein weiteres Spin-off namens „Pokémon Picross“ erscheinen. Analog zu Pokémon Pinball wird die Entwicklung des Spiels in die Hand der „Jupiter Corporation“ gelegt. Was sich wie der Name der Schwesterorganisation von Team Rocket anhört, ist eigentlich ein bereits seit 1992 existierendes, japanisches Entwicklerstudio, welches für die Entwicklung zahlreicher Picross-Spiele (u. a. Mario Picross oder Tamori’s Picross) bekannt ist.

Fun Fact: Das in Kyoto ansässige Unternehmen war auch an der Entwicklung der Game Boy Camera beteiligt – und die kennen wir ja seit den Artikeln 208, 209, 210 und 211 sehr gut! 😉

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Die Presse zeigte sich interessiert und so erschienen z.B. in der Mai- und Juniausgabe des Magazins „CoroCoro Comic“ bereits einige Screenshots und erste Details zu dem Spiel. Das Interesse an Pokémon Picross ist wohl bis heute ungebrochen, denn selbst aktuell berichten Fachzeitschriften (wie z.B. die quartalsweise erscheinende Deutsche Version der „Retro Gamer“) noch über das Spiel. Ihr glaubt mir nicht? Hier der Beweis in der Ausgabe 02/2024:

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Doch um was geht es in „Pokémon Picross“ nun eigentlich? Im Endeffekt muss in dem Spiel eine Vielzahl (insgesamt über 200 Stück) von Picross-Rätseln gelöst werden. Wie diese – hierzulande auch Nonogramme oder „japanische Rätsel“ genannten – Knobeleien funktionieren haben wir uns ja bereits in Artikel 288 beim Switch-Spiel „Murder by Numbers“ angesehen. Zur Erinnerung: Ähnlich wie bei einem Sudoku gilt es, ein quadratisches Spielfeld auszufüllen – allerdings mit Blöcken anstatt Zahlen. Die Ziffern stehen bei Nongrammen außerhalb des Spielfelds und geben Hinweise darauf, wie das aus einem Gitternetz bestehende Spielfeld befüllt werden muss.

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Die bei einem vollständig gelösten Picross entstehenden Muster sollen dann Pokémon darstellen, welche in einem Pokédex (wir erinnern uns an Artikel 70) gesammelt werden. Richtig tolle Bilder lassen sich mit ein paar Blöcken natürlich nicht erzeugen, aber man kann meist schon erkennen, was das jeweilige Motiv darstellen soll. Hier z.B. ein einfaches Beispiel mit einer Ente. Oder einem Huhn? Ganz sicher bin ich mir nicht, was für ein Tier das sein soll. Entscheidet selbst! 😀

Fun Fact: Für mich persönlich sind Nonogramme die spaßigere Version von Sudoku. Zugegeben – man muss schon ein Faible für Puzzlespiele haben, aber spätestens wer jemals einen Game Boy mit dem Spiel Tetris in der Hand hatte, wird nicht von der Hand weisen können, dass sich diese Art von Spielen perfekt für „zwischendurch“ oder einfach mal zur Entspannung eignet. Ernsthaft – kennt ihr eine Person, die Tetris nicht mag? Ich nicht! 😛

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Alles schön und gut, aber warum erzähle ich euch etwas über ein – vermeintlich langweiliges – Picross-Spiel mit Pokémon-Thema? Nun, das Stück Software hat eine interessante Entwicklungsgeschichte, denn es wurde nie veröffentlicht!

Fun Fact: Damit wird Pokémon Picross die zweifelhafte Ehre zuteil, das einzige offiziell angekündigte, dann aber nicht veröffentlichte Pokémon-Spiel zu sein. Ironischerweise erschien 2015 unter dem exakt gleichen Titel (Pokémon Picross) ein auf dem Pokémon-Franchise basierendes Picross-Spiel für den Nintendo 3DS, welches ebenfalls von Jupiter entwickelt wurde. Ein Zufall? Ich glaube nicht… 😉

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Keiner weiß so richtig, warum das mehr oder weniger fertig programmierte Spiel trotz mehrfacher Ankündigungen nie auf den Markt gekommen ist. Über zwanzig Jahre galt die Existenz des Spiels, bzw. einer spielbaren Version als ungewiss, bis im Jahr 2020 im Rahmen des „Gigaleaks“ (ein massiver Daten-Leak, bei dem interne Daten, Quellcode und Dokumente von Nintendo-Spielen und Konsolen aus den 1990er und 2000er Jahren veröffentlicht wurden) eine ROM-Datei des Spiels aufgetaucht ist.

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Auf den ersten Blick sehen die veröffentlichten Screenshots wirklich interessant aus und ich hätte große Lust, mir das Spiel mal etwas genauer anzusehen. Was soll ich sagen? Ich mag solche Picross-Games einfach gerne und Pokémon geht sowieso immer! 😉

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Blöd nur, dass sich meine Japanischkenntnisse auf ein paar vereinzelte Sätze aus Animes (z.B. „Nani?!“ oder „Omae Wa Mou Shindeiru“) beschränken. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Bereits ein Jahr nach Bekanntwerden des unveröffentlichten Prototyps haben findige ROM-Hacker einen Englisch-Patch für das Spiel entwickelt. Ist das nicht cool? Somit gibt es keine Ausrede mehr, dass wir uns selbst Pokémon Picross zu Gemüte führen. 🙂

Not so fun Fact: Auf eine ausführliche Beschreibung, wo man das Spiel herbekommt und wie man den Patch anwendet verzichte ich an dieser Stelle absichtlich. Sorry, aber ein bisschen müsst ihr schon selbst mitdenken! 😛

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In einem kurzweiligen Tutorial erklärt uns Professor Eich die Picross-Basics.

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Anschließend können wir uns in das Abenteuer stürzen. Gestartet wird ganz klassisch im „Vertania-Wald“ (Viridian Forest), einem der ersten Schauplätze aus Pokémon Rot und Blau. Die Welt von Pokémon Picross besteht aus zehn verschiedenen Orten, an welchen jeweils 15 Nonogramme gelöst werden möchten.

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Und dann geht es auch schon los und wir müssen unser erstes japanisches Rätsel lösen. Hoffentlich habt ihr vorhin bei Professor Eich gut aufgepasst! 😛

Fun Fact: Falls man doch mal nicht weiterkommt kann man sich per Menü Hinweise zur Lösung des Rätsels geben lassen. Sehr fair!

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Hat man ein Rätsel gelöst, verwandelt sich das zusammengepuzzelte Muster in das Bild eines Pokémons und das „gefangene“ Taschenmonster wird unserem Pokédex hinzugefügt. Hier haben wir z.B. gerade ein „Digda“ (auf Englisch Diglett) gefangen! 🙂

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Zur Lösung eines jeden Nonogramms steht ein recht großzügiges Zeitlimit (in den ersten Leveln sind es glaube ich 20 Minuten) zur Verfügung. Mit der „Par Time“ gibt es aber eine zusätzliche, deutlich knapper bemessene Grenze. Schafft man es, innerhalb dieses Zeitlimits das Rätsel zu lösen, wird das Pokémon in einem Superball (blau) gefangen. Löst man ein Picross-Rätsel „nur“ innerhalb des normalen Zeitlimits wird das Pokémon lediglich in einem normalen Pokéball (rot) gefangen.

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Prinzipiell ist es egal, wie schnell man einen Level absolviert, allerdings müssen pro Ort mindestens 8 Puzzle mit einem Superball (also innerhalb des knapp bemessenen Zeitlimits) geschafft werden, um das jeweils letzte (15.) Rätsel eines Schauplatzes freizuschalten. Die gute Nachricht für alle eher entspannten (oder faulen?) Spieler: Es müssen nicht alle 15 Nonogramme pro Lokalität geschafft werden. Um den nächsten Schauplatz freizuschalten reicht es auch, insgesamt nur acht Rätsel mit einem Pokéball zu lösen.

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Im Lauf des Spiels – genau genommen immer, nachdem man zwei Orte besucht hat – schließen sich uns (neben Pikachu) insgesamt fünf weitere Gefährten in Form von Bisasam, Glumanda, Schiggy, Piepi und Pummeluff an.

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Diese Pokémon-Partner können dann per Start-Menü eingesetzt, bzw. ausgetauscht werden. Dadurch ändert sich die Farbgestaltung der Rätsel und es wird eine andere Hintergrundmusik abgespielt. So richtig viel Einfluss auf das Spielgeschehen hat das nicht wirklich, aber es ist schön, zur Abwechslung mal anstatt des grinsenden Pikachus ein anderes Pokémon während der Lösung eines Rätsels zu sehen! 😀

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Und so spielt man Abschnitt für Abschnitt, bis man irgendwann alle 151 Rätsel (15 x 10 plus ein Bonusrätsel mit Mew) gelöst hat.

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Hat man das geschafft, darf man sich über einen putzig gestalteten Abspann freuen.

Fun Fact: Tatsächlich laufen die Credits bereits nachdem man acht Rätsel in Welt 10 gelöst hat. Schafft man es aber tatsächlich, alle 151 Nonogramme zu lösen, wird die Schlusssequenz nochmal um ein paar aus dem Anime bekannte Szenen erweitert. So taucht z.B. Misty auf und wird von ihrem verpeilten Enton verfolgt. Ebenso ist auf einem Leuchtturm Bill – der Erfinder des Pokémon-Lagerungs-Systems – zu sehen. So geht Fanservice! 🙂

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Sorry, aber natürlich muss ich an dieser Stelle mit meinem perfekten Spielstand (vollständiger Pokédex mit 151 per Superball gefangenen Pokémon) flexen! 😛

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Tatsächlich würde das Spiel auch den Druck der einzelnen Taschenmonster auf einem per Link Kabel angeschlossenem Game Boy Printer unterstützen – crazy!

Not so fun Fact: Leider habe ich so ein Gerät nicht, aber vielleicht können wir die Bilder ja irgendwie anders in digitale Form bringen und auf einen PC übertragen? Vielleicht sogar im Rahmen eines zukünftigen Blogartikels? Wer weiß, was die Zukunft bringt… 😉

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Doch damit nicht genug! Als letzten Amtsakt teilt uns die gute Misty während des Abspanns mit, dass es neben der Hauptquest noch einen weiteren Spielmodi namens „Safari Picross“ gibt.

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Darin werden die erworbenen Picross-Skills nochmal intensivst auf die Probe gestellt. So sind die Zeitlimits zum Lösen der einzelnen Rätsel noch knackiger und es gibt keine Hinweise. Ebenso bekommt man bei größeren, in vier Motive aufgeteilten Rätseln keine Hinweise, ob der jeweils bereits gelöste Teil korrekt ist. Richtig heftig!

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Könnt ihr euch vorstellen, dass z.B. vier dieser Mini-Rästel in insgesamt dreieinhalb Minuten gelöst werden sollen? Das sieht auf den ersten Blick nicht schwer, bzw. unmöglich aus, aber ein kleiner Fehler (ein falsch gesetzter Block) wird sofort mit drakonischem Zeitabzug bestraft. Puh! 😀

Fun Fact: Scheinbar empfinde nicht nur ich die Zeitstrafe als gnadenlos, denn bereits 2021 hat ein Entwickler einen Patch für das Spiel entworfen, welcher die abgezogene Zeit etwas reduziert (von teils mehreren Minuten auf wenige Sekunden). Sehr fair!

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Aber was meckere ich eigentlich? Wer nicht will, muss den Safari-Modus ja schließlich auch nicht spielen. Und – sind wir mal ehrlich – früher waren Spiele sowieso viel schwerer! 😛

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Alles in allem bin ich von Pokémon Picross absolut begeistert. Das Spiel bietet mindestens 10 Stunden (für nicht ganz so clevere Leute wie mich sogar eher 15-20) Spielspaß und wirkt – für die Tatsache, dass es eigentlich ein nie erschienener Prototyp ist – sehr ausgereift. So kann ich jedem Puzzle- oder Picross-Fan nur wärmstens empfehlen, sich auf eine Reise durch das Nonogrammuniversum der Taschenmonster zu begeben!

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Ich bin sogar so weit gegangen, und habe mir von einem netten Verkäufer aus Spanien eine physikalische Version (so richtig schön mit Verpackung, Modul und Inlay) des Spiels gegönnt. Diese hat bereits den englischen Patch inkludiert. Jetzt hindert uns nichts mehr daran, Pokémon Picross auch auf einem echten Game Boy zu zocken! 🙂

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Es gibt nur eine kleine Sache die mich stört. Der Englisch-Patch ist zwar cool, da man sich so nicht durch komplett unverständliche, japanische Textboxen klicken muss, aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich das Spiel schon gerne auf deutsch. Viele der englischen Namen für die Taschenmonster haben mir noch nie so recht gefallen wollen. „Schiggy“ muss einfach „Schiggy“ heißen und nicht „Squirtle“! 😛

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Leider gibt es keinen Patch für eine deutsche Übersetzung, aber vielleicht können wir uns ja selbst was basteln? Stay tuned…

In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!

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