„Es fing doch alles so harmlos an…“
Mit diesen Worten sitzt ein müder retrololo vor einem Haufen an Kabeln und Platinen und fragt sich, was in seinem Leben nur falsch gelaufen ist, dass er an diesem Punkt angekommen ist…

Hm? Um was geht es hier? Wer jetzt gar nichts versteht, der braucht sich nicht grämen. Schließlich bin ich ja einfach losmarschiert, ohne euch von der neuesten „Retro-Challenge“ zu berichten. Das wollen wir jetzt ändern. Beginnen wir von vorne…
Beim Aufräumen des Kellers ist mir ein altes Asus-Mainboard vom Typ „CUV4X“ in die Hände gefallen. „Tut das Not, dass das hier so rum oxidiert?“, frage ich mich.

Eigentlich ist das ein schönes Board und hat alles, was ein PC-System zur Jahrtausendwende so brauchte. Da hätten wir z.B. einen „Sockel 370“-Prozessorsockel für Celeron- und Pentium-III-Prozessoren (bis zu 1 GHz) sowie drei RAM-Bänke, welche in der Vollausbaustufe theoretisch bis zu 1,5 GB an SD-RAM aufnehmen können.

Wer braucht schon Onboard-Grafik- und -Sound (so wie es in PC-Systemen heutzutage gang und gäbe ist), wenn er stattdessen einen Steckplatz für eine AGP-Grafikkarte sowie insgesamt fünf PCI-Steckplätze für Erweiterungskarten haben kann? Für richtige „Retro-Freaks“ bietet das Board sogar noch einen ISA-Steckplatz, über welchen man z.B. alte Soundkarten mit in das System integrieren kann.
Fun Fact: Der kleine braune Port über dem ISA-Slot ist ein sog. „AMR-Slot“, was wiederum für „Audio Modem Riser“ steht. Über diesen Steckplatz lassen sich theoretisch Modem- oder Soundkarten betreiben. In der Praxis hat sich der Standard aber nicht wirklich durchgesetzt.

Was die Laufwerke angeht, haben wir einen Onboard-Diskettenlaufwerkscontroller sowie zwei IDE-Interfaces, an welchen sich letztendlich bis zu vier Geräte wie CD-Laufwerke oder Festplatten anschließen lassen.

Das reicht euch noch nicht? Für die externe Kommunikation stehen dem Benutzer zwei serielle PS/2-Buchsen für Tastatur und Maus, eine serielle Schnittstelle (COM1), ein Parallelport (LPT1) sowie zwei USB 1.1-Ports zur Verfügung. The future is now! 😛

Und was sehen meine Augen da? Selbst an den Techniker wurde gedacht! Anstatt eines blöden Dallas-Chips zum Erhalt der BIOS-Einstellungen ist hier bereits ein Knopfzellenhalter für eine CR2032-Knopfzelle verbaut. Ein absoluter Traum!

Wir halten also fest: Alles in allem ein echt tolles Ding, dieses Asus Board. Aus dem Teil könnte man doch eigentlich ein richtig schönes Windows 98 System bauen, oder?
Fun Fact: Erfahrene Leser werden sofort begriffen haben, dass mit der Entscheidung, aus einem 25 Jahre alten Mainboard einen PC bauen zu wollen, das Unheil schon seinen Lauf genommen hat! 😛

Geile Idee. Worauf warten wir? 🙂 Ein Glück, dass der Teilevorrat noch ein paar für das Projekt geeignete Komponenten hergibt. Da wäre zum einen ein altes ATX-Netzteil der Firma DTK:

Das Modell „PTP-3007P“ mit 300 Watt bietet genügend Power für unseren PC und hat dank zahlreicher Molex- und Bergstecker auch genügend Anschlussmöglichkeiten für Laufwerke. Mann, ich vermisse die Zeiten, in denen man ein Netzteil einfach über eine Buchse am Rechner anschließen konnte und nicht noch zahlreiche weitere Leitungen zu Grafikkarten und CPU legen musste! 😀

Als CPU wollen wir einen Pentium-III-Prozessor mit 866 MHz (Codename Coppermine) verbauen:

Der Prozessor ist schnell in den entsprechenden Sockel eingelegt und per Hebel arretiert.

Wie es der Zufall will, habe ich in der Schrottkiste auch noch einen geeigneten Lüfter mit Kühlkörper gefunden. Glück muss man haben! 🙂 Mit etwas Wärmeleitpaste ist das gute Stück schnell auf die CPU gesetzt und über zwei Metallklammern am CPU-Sockel befestigt:
Not so fun Fact: Ich habe es vergessen zu fotografieren, aber natürlich muss der Lüfter auch über den kleinen braunen Stecker am Mainboard befestigt werden, damit er Strom bekommt und sich dreht!

Dann brauchen wir noch etwas Arbeitsspeicher. Ich denke für den Anfang sollte es dieses SDRAM-Modul mit 128 MB (PC133) tun:

Der RAM-Riegel ist fix in den ersten der drei Slots eingesetzt:
Natürlich macht es Sinn, gerade bei so alten Boards vorab alle Komponenten und Steckplätze mit etwas Druckluft zu reinigen. Da putzen langweilig ist, erspare ich euch entsprechende Bilder! 😛

Damit wir ein Bild sehen, braucht es noch einen Monitor mit VGA-Anschluss. Dieser alte „ViewSonic VX910“ mit 19“ 4:3-Display und einer maximalen Auflösung von 1280×1024 Pixeln sollte der Aufgabe locker gewachsen sein:

Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Grafikkarte mit VGA-Ausgang, mit welcher wir das Bild vom PC zum Monitor bringen.

Die „Matrox Millenium G200A“ Karte mit 8MB Grafikspeicher ist zwar fast etwas zu schwach für unseren Pentium, aber für einen ersten Test sollte sie ausreichen.

Bei den ganzen Platinen haben wir ein entscheidendes Detail vergessen: Irgendwie müssen wir es ja auch schaffen, den PC zu starten. Blöd nur, dass ich kein Gehäuse mit entsprechendem Schalter mehr herumliegen habe. Ich musste ganz schön lang suchen, bis ich folgenden Druckschalter aus der Kabelkiste gefischt habe:

Ich habe keine Ahnung mehr, in welchem Gerät das Teil ursprünglich verbaut war, aber das Rastermaß des Steckers stimmt und so können wir den Schalter direkt an der Stiftleiste neben den Jumpern mit dem Mainboard verbinden:

Apropos Jumper: Bevor wir den Rechner unter Strom setzen, sollten wir im Handbuch noch prüfen, ob die Jumper alle korrekt gesetzt sind. Neben ein paar einfachen Steckbrücken gibt es auf dem Board auch einen 8-fach DIP-Schalter, welcher z.B. die Geschwindigkeit des Prozessors bestimmt.

Soweit so gut, ich denke jetzt können wir einen ersten Startversuch wagen:

Zumindest die LED auf dem Mainboard leuchtet und auch der CPU-Lüfter dreht sich. Leider bleibt das Bild auf dem Monitor schwarz und auch ansonsten gibt das Asus-Board per PC-Speaker keinerlei Mucks von sich. Und nun?

Zur Fehleranalyse habe ich eine „EP-P80P“ PCI-Diagnosekarte in einen der freien PCI-Steckplätze gesteckt. Damit lässt sich der Fortschritt beim Bootvorgang eines PCs, bzw. die Fehlercodes, welche beim „POST“ (power-on-self-test) generiert werden, überwachen und so im Idealfall das Problem, warum der PC nicht startet, finden.

So die Theorie. In der Praxis folgten an dieser Stelle mehrere Stunden mit diversen Versuchen, ohne wirklichen Erfolg. Die Fehlercodes, die uns die PCI-Diagnosekarte ausspuckt, sind leider auch nicht sehr aussagekräftig:

Der POST-Code „FF“ deutet darauf hin, dass es ein Problem mit dem BIOS oder einer Hardwarekomponente (z.B. CPU) auf dem Board gibt. Das ist der Punkt, an dem vermutlich die meisten schon aufgegeben hätten, aber mittlerweile wisst ihr vermutlich auch, dass ich mich immer schwer tue, so einen „Fehlschlag“ zu akzeptieren…
Wir drehen die Uhr also mal ein paar Wochen weiter. Um das BIOS als Fehlerquelle auszuschließen, hat mir ein Forumskollege die aktuellste Version des BIOS heruntergeladen und mit einem EEPROM-Brenner auf den Chip gebrannt.

Tatsächlich hat das zu einer Veränderung des POST-Codes geführt und wir sind einen Schritt weiter: Der Fehler „C1“ deutet auf ein Problem mit dem Arbeitsspeicher hin:

Daraufhin habe ich es natürlich mit zahlreichen anderen RAM-Modulen probiert und auch Rat in Internetforen gesucht. Die Vermutungen reichten von defekten Kondensatoren über getrennte Leiterbahnen (zwischen der Northbridge und den RAM-Bänken) bis hin zu falschen, bzw. fehlerhaften RAM-Riegeln. In mehreren Analyse-Sessions (und durch Messung einzelner Verbindungspunkte auf der Platine) konnte ich all diese Probleme aber ausschließen. Blöd. Und jetzt?

Da mir für die weitere Analyse das Werkzeuge (z.B. Logikanalysator, ESR-Meter) und letztendlich der Skill (Elektrotechnik im Detail) fehlen, habe ich das Mainboard einem befreundeten Fachmann geschickt, der sich auf die Reparatur von Alltagsgegenständen (Unterhaltungselektronik, Telekommunikation, Staubsauger, Kaffeevollautomaten, Fahrzeugelektronik, etc.) spezialisiert hat. Er hat sich das Mainboard angesehen und konnte auch einige vermeintlich defekte Komponenten wie z.B. die Northbridge durch Reballing (Neuverlötung in speziellem Verfahren mit Kügelchen aus Lötzinn) reparieren. Leider sieht es so aus, als wäre die Southbridge (VT82C686B) defekt und müsste ersetzt werden.

Das Teil zu besorgen, wäre theoretisch noch möglich, ist aber nicht ganz billig und andererseits ist nicht klar, ob das Board mit einer neuen Southbridge dann auch wirklich funktioniert. Ich denke jetzt ist endgültig der Zeitpunkt gekommen, das störrische Mainboard in die ewigen EDV-Jagdgründe zu schicken. Ein altes Sprichwort der Dakota-Indianer lautet: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!“! 😀

Und damit wären wir wieder in der Gegenwart angekommen. Müde blicke ich auf das Chaos an Kabeln, Platinen und Messgeräten. Es ist an der Zeit, alles wieder abzubauen und das Mainboard zu entsorgen, bzw. in Einzelteilen der Elektroschrottkiste für Ersatzteile (z.B. Kondensatoren, etc.) zuzuführen. Ich bin ein großer Fan von Reparatur und habe auch schon häufig Zeit und Geld in Projekte gesteckt, auch wenn es vermeintlich überhaupt keinen Sinn gemacht hat, aber man muss wissen wann es genug ist. Schade, dass wir das Ding nicht zum Laufen gebracht haben, aber so ist das Leben.

Ich hoffe, ihr hattet trotzdem Spaß mit dem heutigen Beitrag. Man kann eben nicht immer gewinnen und ich bin froh, dass wir es zumindest versucht haben. Am Ende eines „Fails“ steht trotzdem immer etwas Erfahrung, die man sammeln konnte. Stay positive! 🙂
In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!