Wer nicht unter einem Stein lebt, der weiß, um was es sich bei den folgenden Kreaturen handelt:

Pokémon ist ein Phänomen. Die Serie rund um die Taschenmonster hat mittlerweile einen Bekanntheitsgrad erreicht, von dem die meisten Politiker nur träumen können. Heutzutage ist Pokémon wohl kaum mehr aus der Welt wegzudenken. Im Jahr 1999 war das anders. Erst so langsam schwappte die drei Jahre zuvor gestartete Welle aus dem fernen Japan zu uns nach Europa und elektrisierte – nicht zuletzt dank Maskottchen Pikachus Donnerblitz – zahlreiche Kinderzimmer.

Mit den für den Game Boy erschienen Pokémon-Spielen (Rot und Blau im Westen, Rot und Grün in Japan) setzte Nintendo den Grundstein für das heute so erfolgreiche Franchise. Ebenso kurbelte die erste Generation der Taschenmonster gleichzeitig auch den Verkauf des soeben erschienenen Game Boy Color an. Klar, kann man die ersten Pokémon-Spiele auch auf dem grünen Display des originalen Game Boys spielen, aber man stelle sich nur mal vor, wie es wäre, die ganzen Taschenmonster in Farbe sehen zu können? Mama, mach bitte mal den Geldbeutel auf, ich will das haben!

Während ich die Welt der Pokémon, so wie sie in den neueren Spielen repräsentiert wird, irgendwie „überladen“ und manchmal auch etwas albern empfinde, werden die Pokémon-Spiele der ersten Generation immer einen Platz in meinem Herzen haben. Trotz zahlreicher Programmierfehler sowie nicht ganz ausgegorener Spielmechaniken ist es Pokémon Rot und Blau (und der zwei Jahre später erschienen gelben Edition) zu verdanken, dass heute so ziemlich jedem Kind (und den meisten Erwachsenen) die Taschenmonster ein Begriff sind.

Auch Nintendo erkannte den Erfolg der zwei Jahre zuvor in Japan veröffentlichten Pokémon-Spiele und spendierte den Modulen im Westen einen besonderen Anstrich. Ich gebe es zu – die exklusiven Modulfarben haben mir schon immer gut gefallen und es fühlte sich irgendwie besonders an, eine Pokémon-Cartridge in den Game Boy einzustecken.

Okay, aber warum erzähle ich das alles? Nun, heute soll es um „Pokémon Rot“ gehen. Doch fangen wir von vorne an…
Alles fing damit an, als ich auf einer chinesischen Webseite über folgende, aus durchsichtigem Material gefertigte Game Boy Modulgehäuse gestolpert bin:

Wie cool ist das denn bitte? Ein transparentes Game Boy Modul, bei welchem die Platine mit sämtlichen Bauteilen von außen sichtbar ist? Shut up and take my money! 😉
Fun Fact: Wusstet ihr, dass die Platinen von Game Boy Modulen unterschiedlich groß sind? Von außen lässt sich das (bei normalen, grauen oder schwarzen Modulen) nicht wirklich erkennen, aber abhängig von der Hardwarekonfiguration (Memory Bank Controller, ROM-Chip, RAM-Baustein, etc.) gab es kürzere Leiterplatten (wie die im Bild) oder Platinen, welche das Gehäuse komplett ausfüllen.

Sieht schon ganz cool aus, aber was hat das alles bitte mit der roten Pokémon-Edition zu tun? Ist ja gut, ich komme ja gleich zum Punkt! Erinnert ihr euch noch an die Flashkarten-Aktion in Artikel 356? Zur Erinnerung: „Damals“ haben wir uns ein paar beschreibbare Game Boy Module bauen lassen:

Wie es der Zufall will, war bei dem Haufen an Modulen auch eine spezielle, rote Platine dabei:

Diese wurde mit einem 8 mbit (also 1 Megabyte) großen Flash-Chip („AM29F080B-75ECT“ (8 mbit = 1MB, TSOP-40) sowie einem SRAM-Baustein („W24257S-70LL“) mit 32 Kilobyte bestückt. Ebenso habe ich einen Knopfzellenhalter (siehe Artikel 95) verlötet.

Hm, das Ding ist also rot anstatt grün (so wie die anderen Flashkarten-Platinen). Und deswegen ist die Platine schon etwas Besonderes? Nicht ganz, denn auf der Rückseite der roten Platine findet sich noch ein weiterer Unterschied:

Ist das nicht cool? Glurak, sowie der in Kupferfarbe gehaltene, glänzende Schriftzug machen die Leiterplatte wirklich einmalig. In Kombination mit dem transparenten Modulgehäuse können wir so eine stylische Pokémon-Flashkarte bauen:

Bleibt nur noch die Frage zu klären, welche ROM-Datei wir auf das Modul spielen? Die offensichtliche Antwort wäre natürlich „Pokémon Rote Edition“, aber ich habe da noch eine bessere Idee. Wisst ihr, was mich an den Pokémon-Spielen immer gestört hat? Um wirklich alle Taschenmonster sammeln zu können, braucht es immer mehrere Editionen und Game Boys, denn ein paar wenige Pokémon sind versionsspezifisch und müssen so von dem Spielstand einer anderen Edition (also z.B. von blau zu rot) getauscht werden. Ist das nicht blöd? So fällt es verdammt schwer, alle 151 Kreaturen zu ergattern.

Wie gut, dass die Pokémon-Spiele der ersten Generation bereits 2022 vollständig disassembliert wurden. Auf Basis des Quellcodes haben Fans einen Romhack erstellt, welcher es ermöglicht, alle Taschenmonster innerhalb einer Edition zu bekommen. So lassen sich z.B. alle drei Starterpokémon auf diversen Routen (z.B. am Mondberg oder im Vertania-Wald) innerhalb der Spielwelt fangen. Und das war noch nicht alles – Pokémon, die sich eigentlich nur durch Tausch entwickeln, tun das jetzt auf Level 36. Klingt gut, das will ich haben!

Im Endeffekt brauchen wir dafür nur den für die jeweilige Version geeigneten Patch. Dieser liegt im BPS-Format vor und kann mit dem Tool „Flips“ auf eine zuvor von einem originalen Spielmodul gesicherte ROM-Datei angewendet werden.
Fun Fact: bei Flips (Floating IPS) handelt es sich um den Nachfolger von „Lunar IPS“, welches wir schon aus diversen Artikeln (wie z.B. 240, 304 oder 336) kennen.

Ganz nebenbei behebt der Patch auch einige mehr oder weniger grobe Programmierfehler, für welche die Pokémon-Spiele der 1. Generation berühmt, bzw. berüchtigt sind. Attacken vom Typ „Geist“ sind jetzt beispielsweise gegen Psycho-Pokémon sehr effektiv. Ebenso können nun auch wirklich alle Flug-Pokémon die Attacke „Fliegen“ lernen. Generell wurden gerade bei der Wirkung von Attacken etliche Programmierfehler behoben. Hier nur ein paar Beispiele:

Sonst wurden keine Änderungen am Spiel vorgenommen. Schließlich geht es nicht darum, das Spiel massiv zu verändern (eigene Story, andere Grafiken, neue Pokémon, etc.), sondern lediglich das vollständige Abenteuer mit allen Pokémon (und ohne nervige Bugs) spielen zu können. Damit auch wir das mit unserem transparenten Modul tun können, müssen wir die gepatchte ROM-Datei mit Hilfe des GB Cart Flasher aus Artikel 93…

… auf die Pokémon-Rot-Flashkarte schreiben.

Jetzt noch fix das Modul in den Game Boy einstecken…

…und schon kann unser Abenteuer beginnen!
Fun Fact: Besonders gut finde ich, dass dieser Romhack für die deutschen Versionen der Pokémon-Spiele entwickelt wurde. Die meisten Hacks funktionieren leider nur mit englischen ROM-Dateien.

Fehlt eigentlich nur noch ein Label für das Modul. Passend zum transparenten Look können wir ein minimalistisches Logo auf transparente Klebefolie drucken. Damit die Tinte nicht zu sehr verwischt, habe ich einfach eine zweite Schicht Folie darüber geklebt. Mit mehr Zeit- und Materialeinsatz ließe sich auch hier sicher was noch Besseres basteln, aber ich bin mit dem Ergebnis auch so zufrieden.

Jetzt steht Ashs erstem Abenteuer eigentlich nichts mehr im Wege. Außer natürlich dieser merkwürdige Hipster-Rivale:

Aber der hat keine Chance gegen meine coole Schildkröte namens Norbert! 😛
Fun Fact: Auch wenn die Bilder für den Artikel aus dem Emulator am PC stammen – den Spielstand habe ich initial auf dem Modul angelegt und anschließend mit dem GB Cart Flasher auf den PC übertragen. Schon wirklich cool, was sich damit alles anstellen lässt! 🙂

So, ich denke, damit sollten wir es für heute gut sein lassen. Ich muss jetzt auch dringend weg, denn es wartet da noch eine ganze Welt mit 151 Pokémon, die erkundet werden möchte! 😉

In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!