#380 – Das zerbrochene Schwert neu geschmiedet

#380 – Das zerbrochene Schwert neu geschmiedet

Ich liebe Point-and-Click-Adventures. So jetzt ist es raus! 😛

Okay, dieser Fakt wird wohl keinen mehr vom Hocker hauen. Immerhin haben wir uns im Rahmen der letzten über dreihundert Beiträge schon das ein oder andere Point-and-Click-Adventure angesehen und wenn ich mich recht erinnere, habe ich auch schon des Öfteren meine Vorliebe für das Genre erwähnt.

Doch wie kann es eigentlich sein, dass ich bisher noch nie ein Spiel der „Broken Sword“-Reihe gespielt habe? Dabei zählen die Geschichten rund um das Protagonisten-Duo George Stobbart und Nicole Collard doch zur Königsklasse der Adventures und werden bis heute von Fans verehrt!

Bild_1

Ah, jetzt weiß ich wieder, warum ich bisher nie wirklich dazu gekommen bin. Einerseits bin ich erwachsen und so fehlt häufig die Zeit, andererseits sind die Baphomets Fluch Spiele (so heißt die Spielereihe in deutschen Gefilden) sehr pingelig, was Hardwareanforderungen angeht. Ernsthaft – der halbe Keller ist voll mit unterschiedlichen Retro-PCs, aber glaubt ihr, ich hätte es geschafft, diese Spiele auf einem der Systeme zum Laufen zu bekommen? Gerade die ersten beiden Teile sind extrem zickig, vor allem dann, wenn man mehr als ein CD-Laufwerk im PC verbaut hat, oder mit virtuellen Laufwerken und CD-Images arbeitet. Das ist sehr schade, denn allein das vollständig vertonte Installationsprogramm ist ein Highlight und lässt uns – während der Installation – zum Zeitvertreib „Breakout“ (einigen ggf. auch unter dem Namen „Arkanoid“ bekannt) spielen. Sau cool! 🙂

Bild_2

Wie gut, dass vor zwei Jahren mit „Broken Sword – Shadow of the Templars: Reforged“ ein Remake des ursprünglich 1996 für MS-DOS entwickelten Adventure-Klassikers für PC, Xbox, Playstation und Switch veröffentlicht wurde. Na, wenn das mal keine perfekte Gelegenheit ist, das Versäumnis nachzuholen und gut 30 Jahre später endlich die Welt von „Baphomets Fluch“ zu erkunden.

Fun Fact: Tatsächlich ist die Reforged-Edition nicht das erste Remake des Spiels. Bereits im Jahre 2009 erschien ein „Director’s Cut“, welcher das Spiel um ein paar zusätzliche Spielszenen mit Nico sowie mehr Rätsel und Minispiele erweitert. Für die Reforged-Fassung wurde allerdings – u. a. auf Grund des ikonischen Intros – auf das Original von 1996 zurückgegriffen.

Bild_3

Direkt nach Spielbeginn lässt uns eine Zwischensequenz in die Story eintauchen. Der amerikanische Patentanwalt George Stobbart ist im Urlaub in Paris. Es ist Herbst rund um die Jahrtausendwende und unser Protagonist genießt das Flair eines Straßencafés, als plötzlich ein Clown das Café betritt.

Bild_4

Kurze Zeit später kommt es zu einer Explosion. Ein Gast wird getötet, der Clown flieht und George liegt bewusstlos auf dem Boden. Nachdem er sich wieder berappelt hat, findet er einen Trümmerhaufen vor, wo früher mal Bistro-Tische und Sonnenschirme standen.

Bild_5

Ganz klar – das war kein Unfall, sondern ein gezielter Mord. Aus welchen Gründen auch immer beschließt George, selbst die Ermittlungen aufzunehmen, anstatt die Polizei ihre Arbeit machen zu lassen. Kids, don’t try this at home! Dabei lernt er die französische Journalistin Nicole „Nico“ Collard kennen, welche ihn mehr oder weniger hilfreich bei den Ermittlungen unterstützt.

Bild_6

Hinter dem Mord steckt natürlich viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Um eine dunkle Verschwörung zu vereiteln, muss George erst quer durch Paris und später dann um die halbe Welt reisen, exotische Orte erforschen und antike Rätsel lösen. Die Story ist mysteriös und verworren und handelt von einem alten Geheimbund, Auftragsmorden, einer Dämonenbeschwörung sowie den im Untergrund operierenden Orden der Tempelritter. Das alles klingt recht wirr und das ist es zeitweise auch. Um die Geschichte im Detail aufzudröseln, bräuchte es mehr Zeit und vermutlich einen eigenen Beitrag, aber darauf möchte ich verzichten. Es ist eh besser, die Story selbst zu erleben. 😉

Bild_7

Besonders die Erzählperspektive, mit welcher der gute George uns über das Geschehen auf dem Laufenden hält, macht dabei eine gute Figur und wirkt auch nach über 30 Jahren noch frisch und fesselnd. Vielleicht liegt das am stets passenden und sehr trockenen Humor unseres Protagonisten oder an der Tatsache, dass ich das Spiel immer wieder dabei ertappe, das auszusprechen, was ich gerade denke. Warum zur Hölle zeige ich z.B. gerade einem Priester in einer antiken Kirche einen Gullydeckelheber, den ich auf einer Baustelle gemopst habe? Ich weiß es nicht und das Spiel, bzw. George wohl auch nicht:

Bild_8

Um im Spiel voranzuschreiten, gilt es, die typischen Adventure-Grundregeln zu beachten. Konkret heißt das, jeden Schauplatz intensiv zu untersuchen, möglichst mit allen Leuten zu reden und wenn man gar nicht weiter kommt, auf gut Glück irgendwelche Gegenstände miteinander zu kombinieren. Wer clever ist, kann sich ein paar der Schritte sparen, aber ich würde empfehlen, trotzdem alles auszuprobieren, um keinen der witzig geschriebenen Dialoge zu verpassen.

Bild_9

Kommt man doch mal nicht weiter, bietet die Reforged-Edition von Baphomets Fluch ein ausgedehntes Hinweissystem. Einerseits kann neben dem klassischen Modus (samt Pixelsucherei und ohne Hilfestellungen) auch noch ein sog. „Story-Modus“ gewählt werden, in welchem mehr Wert auf die Geschichte gelegt und immer dann, wenn man nicht weiterkommt, automatisch ein nützlicher Hinweis (z.B. in Form eines aufleuchtenden Gegenstands oder dem Ausgrauen von Personen, die uns nicht weiterbringen) gegeben wird. Bei Bedarf können sich zusätzlich in beiden Modi über ein spezielles Menü Tipps zur aktuellen Spielsituation einholen lassen. Das geht in mehreren Stufen und jeder weitere Hinweis wird erst nach Ablauf eines kurzen Timers gegeben. Das wurde absichtlich so gemacht, damit man sich Zeit nimmt, den Hinweis genau zu studieren und selbst etwas zu knobeln, bevor man sich weiterhelfen lässt. Top gelöst!

Bild_10

Ich habe natürlich versucht, den klassischen Modus komplett ohne Hilfestellungen zu spielen, musste allerdings zwei Mal – u. a. bei dem unter Fans berühmt-berüchtigten „Ziegenrätsel“ – zur Hinweisfunktion greifen. Das wurmt mich etwas, aber mittlerweile habe ich einfach nicht mehr die Zeit und Energie, mehr als eine oder zwei Stunden an einer Stelle fest zu hängen und dabei mehrfach bereits ausprobierte Optionen erneut durchzuklicken. Gerade wenn es sich dabei um Situationen handelt, in denen z.B. ein Gegenstand, welchen wir bereits einer Person gezeigt haben, nach einer bestimmten Dialogoption oder einem Ereignis nochmals präsentiert werden muss. So etwas zählt (ohne entsprechende Hinweise an den Spieler) aus heutiger Sicht meiner Meinung nach zurecht als schlechtes Gamedesign!

Bild_11

Solche Situationen kommen zum Glück nur selten vor und so lässt sich Baphomets Fluch recht entspannt durchrätseln. Auch wenn jeder Schauplatz intensiv abgegrast und kaum ein Hotspot verschont bleibt, legt das Spiel doch ein gewisses Tempo an den Tag. Immer dann, wenn ein Ort vollständig erkundet ist und wir einen entscheidenden Hinweis oder Gegenstand gefunden haben, wird sofort eine kurze Cutscene abgespielt und wir finden uns in Nicos Apartment wieder. Dort werden die neu gewonnenen Erkenntnisse besprochen und die nächsten Schritte geplant.

Bild_12

Was die Technik angeht, gibt es nicht viel zu meckern. Das Remake beinhaltet einen vollständig unkomprimierten Soundtrack auf Basis der Originalaufnahmen von 1996. Die Hintergrundmusik ist stets atmosphärisch, aber meiner Meinung nach ist kein Stück mit wirklichem Ohrwurm-Potenzial dabei und es werden häufig die gleichen paar Tracks wiederholt. Jede Textzeile ist vertont und gerade die Synchronisation profitiert von der besseren Soundqualität. Bei der deutschen Synchro bin ich etwas zwiegespalten. Es fällt auf, dass einige der Sprecher für mehrere Rollen verwendet wurden und diese leider meist recht ähnlich sprechen. Auch haben manche Nebencharaktere (wie z.B. der Kebap-Verkäufer oder Schneider Todryk) teils merkwürdige (oder eben keine) Akzente, was so gar nicht zu ihrem jeweiligen Stereotyp passen will. Alexander Schottky als George und die leider bereits viel zu früh verstorbene Franziska Pigulla als Nico machen dagegen einen wirklich guten Job.

Bild_13

Optisch kann das Spiel, wie schon damals auch, brillieren. Sämtliche Hintergründe wurden anhand der originalen Zeichnungen aus den Neunzigern neu erstellt. Für das Design der Charaktere und Gegenstände griff Entwicklerstudio Revolution Software auf ein paar KI-Tricks zurück. So konnte ein Großteil der Sprites und Animationen automatisch in 4K-Auflösung generiert werden. Lediglich Dinge wie Hände oder Gesichter mussten von Menschenhand gezeichnet werden. Besonders cool finde ich, dass sich die Grafik per Knopfdruck zur Laufzeit zwischen alt und neu hin- und herschalten lässt.

Bild_14

Neu ist dabei nicht immer besser. Baphomets Fluch war grafisch betrachtet für die damalige Zeit der Hammer und ich habe mich häufig dabei ertappt, wie ich in den „klassischen Modus“ umgeschaltet und einfach im Retro-Stil weitergespielt habe. So z.B. auch im Museum von Crune. In der Neuauflage wirkt alles recht glatt und von diversen Lichteinfällen überzeichnet. Im Original ist das Museum dunkel, muffig und mit zahlreichen Artefakten vollgestellt. Ich weiß nicht wieso, aber meiner Meinung nach wirkt das alte Backsteingebäude mit der angestaubten Grafik viel authentischer.

Bild_15

Generell merkt man, dass Baphomets Fluch mit viel Liebe zum Detail entwickelt wurde. Ein Beispiel gefällig? An einem Punkt treibt es George nach Irland, um einen Edelstein zu finden, den ein Archäologe in einer Grabungsstätte eines mittelalterlichen Schlosses entdeckt hat. Im Keller eines Pubs müssen wir ein paar Rätsel lösen und dabei unter anderem ein Handtuch nass machen. Dafür drehen wir einen alten, rostigen Wasserhahn auf:

Bild_16

Vergisst man, den Wasserhahn wieder abzudrehen oder entscheidet sich bewusst dazu, das Wasser laufen zu lassen, scheint das erst mal keine Konsequenz zu haben, doch sobald wir zurück in Nicos Wohnung zur Nachbesprechung sind, erwähnt George, dass er zusammen mit dem Besitzer des Pubs in der Nacht den Keller auspumpen musste. Wow, das nenne ich mal Liebe zum Detail!

Bild_17

Besonders die Begründung in seiner Erzählung lässt einen schmunzeln! 😀

Bild_18

Gegen Ende des Spiels lassen dann einige Quick-Time-Events, Zwischensequenzen sowie der ein oder andere Plot-Twist die Story in ihrem Höhepunkt gipfeln. Die Ereignisse überschlagen sich, die Grenzen zwischen „gut“ und „böse“ verschwimmen und es fällt schwer, den Überblick zu behalten. Trotzdem ist alles wirklich schön inszeniert und gerade die Cutscenes haben Cartoon-Qualität.

Bild_19

Lediglich die angedeutete Romanze zwischen George und Nico habe ich dem Spiel nicht so richtig abgekauft. Klar, die beiden wurden durch das Schicksal zusammengeführt, haben ein ganzes Abenteuer zusammen bestritten, sind mehrfach knapp dem Tod entronnen und der gute George lässt auch keine Gelegenheit aus, die Schönheit der französischen Reporterin zu betonen:

Bild_20

Und auch die stolze Nico scheint – selbst wenn sie das nie zugeben würde – an Herrn Stobbart einen Narren gefressen zu haben, dennoch wirken die Interaktionen zwischen den beiden eher wie die Diskussionen zweier streitsüchtiger Geschwister und nicht wie die, eines turtelndes Pärchens. Sei es drum – das Spiel ist so schön und clever gemacht, da verzeihe ich solche kleinen Schwächen gerne. Baphomets Fluch macht Lust auf mehr und ich kann verstehen, warum der erste Teil der Reihe in etlichen “Beste Point-and-Click-Adventures aller Zeiten”-Listen regelmäßig auftaucht.

Bild_21

Ok, und wie ging es weiter mit George und Nico? Bereits ein Jahr später, im Jahr 1997 erschien der zweite Teil unter dem Titel „Baphomets Fluch 2: Die Spiegel der Finsternis“. Neben einer etwas besseren Grafik erzählt das Spiel eine neue Geschichte rund um die Machenschaften eines alten Maya-Kults. Ich habe es noch nicht gespielt, aber auch Teil zwei steht ganz klar auf meiner To-do-Liste, zumal es ebenfalls bereits ein Remaster aus dem Jahre 2010 gibt.

Teil drei und vier aus den Jahren 2003 und 2006 plagten dann die typischen Adventure-Krankheiten der Jahrtausendwende (Tastatursteuerung, 3D-Grafik, endlos viele Kistenschieberätsel, etc.). Gerade Teil 4 wird von Fans als das schwächste Spiel der Reihe angesehen. Wie gut, dass 2013 ein fünfter Teil mit dem Titel „Baphomets Fluch: Der Sündenfall“ veröffentlicht wurde, welcher wieder zum 2D-Zeichentrickstil und einer Point-and-Click-Steuerung zurückkehrte und entsprechend besser bei den Spielern ankam.

Erwähnenswert sei auch das 2008 – mit offizieller Genehmigung von Revolution Software – veröffentlichte Fan-Adventure „Baphomets Fluch 2.5: Die Rückkehr der Tempelritter“. Es setzt, so wie die ersten beiden Teile, auf einen handgezeichneten 2D-Comicstil und knüpft nahtlos an die Ereignisse von Teil eins und zwei an. Ebenso konnten für die Vertonung zahlreiche Originalsprecher gewonnen werden, welche unentgeltlich (!) an dem Projekt mitarbeiteten. Auch ein ganz klarer Kandidat für die „müsste-ich-dringend-mal-nachholen“-Liste! 🙂

Und das war immer noch nicht alles, denn aktuell laufen die Arbeiten am sechsten Teil mit dem Titel „Baphomets Fluch – Der Gral des Parzival“. Es gibt schon einen ersten Trailer und ich muss sagen, dass ich mich schon etwas auf das Spiel freue.

Es steht also gut um die mittlerweile über 30 Jahre alte Spielereihe. Man kann nur hoffen, dass auch Teil sechs ein gelungenes Adventure wird und Revolution Software dazu veranlasst, auch in Zukunft noch weitere Baphomets Fluch Spiele zu entwickeln! 🙂

Bild_22

In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!

Kommentar verfassen