„Sind Kinder nicht etwas Tolles? An und für sich schon, aber…“
So ungefähr stelle ich mir die Antwort zahlreicher Paare vor, die gerade am Hadern sind, ob man sich denn selbst Nachwuchs wünscht oder eben nicht. Frei nach dem Motto „Mmmh, weiß ich nicht, Digga. Weiß ich nicht, muss das?“.
Ach ja, Kinder. Für viele Menschen ist das Zeugen von Nachkommen der entscheidende Schritt im Leben, der ihrer Zeit auf Erden erst einen Sinn verleiht. Rein biologisch betrachtet ist diese Einstellung absolut nachvollziehbar, doch denkt man über Dinge nach, die auch nur im Entferntesten etwas mit dem Sinn des Lebens zu tun haben könnten, kommt man schnell auf ganz merkwürdige Fragestellungen. Beispiele gefällig? Wozu existiert der Mensch? Warum wollen wir uns stets weiterentwickeln und Dinge optimieren? Warum setzen wir so viel daran, die Welt für unsere Nachkommen zu einem besseren Ort zu machen? Was ist der Vorteil, selbst für Nachwuchs zu sorgen? Sind Kinder wirklich der Grund, der unsere Existenz rechtfertigt?
Fragen über Fragen, auf die ich alle keine Antworten habe. Manchmal muss man die Dinge aber auch gar nicht so abstrakt oder philosophisch betrachten. Es soll pragmatisch orientierte Leute geben, für die sind Kinder eher eine Art „Dienst an die Gesellschaft und Absicherung für sich selbst“ – und wenn es nur darum geht, Beitragszahler für unsere maroden Sozialsysteme zu erzeugen und schlussendlich den eigenen Ruhestand (sei es nun finanziell oder mit einer Pflegekraft, die nicht kündigen kann) abzusichern. Hm, ist auch eine Sichtweise, aber ob das der Weisheit letzter Schluss ist?

Es gibt viele Argumente für Kinder, aber wie bei fast allem im Leben auch etliche dagegen. Fakt ist: Ohne Kinder gäbe es auch keine Zukunft, denn die Spezies Mensch ist – wie auch jedes andere Lebewesen – zur Erhaltung der eigenen Art auf Nachwuchs angewiesen.
Ob man die Fortpflanzung jetzt als „Wunder des Lebens“ sieht, der einen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft spendet, oder doch nur als schnödes Ergebnis eines biologischen Prozesses, der für das Rentensystem gut ist, sei jedem selbst überlassen. So oder so – irgendwann stellt sich (egal ob geplant und gewollt oder ungeplant und ungewollt) für Paare oder zumindest sexuell flüchtig Bekannte die Frage, ob man denn sich selbst auf das Abenteuer Nachwuchs einlassen möchte.
Für mich persönlich waren Kinder immer der „Endgegner des Lebens“. Zumindest habe ich das häufig genau so wortwörtlich im Freundes- und Bekanntenkreis gesagt. Okay, das klingt ziemlich dramatisch und wenn man ehrlich ist, ist diese Aussage auch völliger Blödsinn. Wer schon einmal eine Wurzelkanalbehandlung über sich ergehen hat lassen, der weiß, dass es weitaus schlimmere Dinge als Kinder gibt. Auch unabhängig von zahnärztlichen Eingriffen gibt es etliche Schicksalsschläge und Ereignisse, die furchtbarer sind, als ein aus dem Ruder gelaufener Kindergeburtstag. Den Nachwuchs also als Endgegner zu bezeichnen ist Quatsch. Schlussendlich ist nur der Tod der wahre Endgegner des Lebens. Gegen den gibt es kein Heilmittel und das ist auch gut so, glaube ich.
Warum also diese drastische Wortwahl? Ich denke, ich habe mich häufig so geäußert, weil mir alle bisherigen Entscheidungen im Leben deutlich leichter gefallen sind als die Frage, ob man selbst Nachwuchs möchte. Soll ich heiraten? Was möchte ich im Leben erreichen? Welcher Arbeit will ich nachgehen? Wo möchte ich wohnen? Will ich meine Zeit damit verschwenden, alberne Texte für einen kleinen Internetblog zu schreiben?

All das sind bedeutungsschwangere (höhö) Fragen, deren Beantwortung mir aber trotzdem deutlich leichter fällt, als die Frage, ob man denn nun eigene Kinder möchte. Kinder verändern einfach alles und im Vergleich zu anderen Projekten und Herausforderungen begleiten sie einen für gewöhnlich bis an das Ende des eigenen Lebens. Sie lassen sich nicht einfach „abhaken“ oder „beiseite legen“, wenn man gerade mal keine Zeit oder Lust auf sie hat. „Weitreichende Konsequenzen das hat“, wie Yoda sagen würde.
Ich glaube, ich habe mich auch so schwer mit der Entscheidung getan, weil mir mein bisheriges Leben gut gefallen hat und das auch bis heute so ist. Wieso also etwas ändern, wenn doch gerade alles gut ist? Wir Menschen sind eben Gewohnheitstiere und klammern uns gerne an Beständigkeit und letztendlich auch der Vergangenheit fest. Veränderung ist leider nicht immer positiv und so fällt es gerade realistischen Menschen schwer, sich auf neue, herausfordernde Aufgaben zu freuen und sich darauf einzustellen. So stellen sich schnell weitere Fragen: Möchte man sich selbst so einen kleinen Terroristen ins Haus holen, der vermutlich alles verändert? Was erwartet man noch vom Leben? Wofür gehe ich täglich in die Arbeit? Warum bin ich auf dieser Welt? Was ist der Sinn des Lebens und warum liegt hier eigentlich Stroh rum?
Puh, schon wieder diese philosophischen Fragen! Ich denke schon, dass es gut ist, ab und zu mal für einen kurzen Augenblick inne zu halten und über das eigene Leben zu reflektieren. Sich aber bis ins letzte Detail mit oben genannten Fragestellungen zu beschäftigen, macht vermutlich keinen Sinn. Ich konnte zumindest bisher nie eine eindeutige Antwort auf irgendeine der Fragen finden und richtig glücklich wird man, wenn man sich permanent das Hirn über so Zeug zermartert, auch nicht. Yolo und so!
Schlussendlich haben wir uns dazu entschieden, den Zufall über unsere Zukunft entscheiden zu lassen. Das Leben ist dynamisch und unberechenbar und wenn ich etwas im Lauf der letzten Jahre gelernt habe, dann ist es, dass ich mich besser fühle, wenn ich nicht versuche, alles zu planen. Es kommt eh häufig anders, wie man denkt und es gibt nie den einen, perfekten Weg, der einen auf Dauer glücklich macht. Also gut, dann weg mit dem Kondom. Tja, und was soll man sagen? Da war sie dann auf einmal da, die „biggest challenge yet“ – in Form eines kleinen Stück Plastiks, auf dem ein roter Strich zu erkennen ist:

Seit diesem Moment hat sich einiges schlagartig verändert. Es gibt auf einmal viele Arzttermine und man findet sich in skurrilen Situationen wieder, in denen man über Wickelauflagen, Entbindungsmöglichkeiten, Elternzeit oder Größen von Kinderbekleidung diskutiert. Auch ist es unfassbar, wie viel es zu regeln gibt, wenn man Nachwuchs erwartet. Elterngeld, Kindergeld, Rentenversicherungsnummer, Steuer-ID, usw. Das Kind ist noch nicht mal auf der Welt und ich habe schon mehr Formulare ausgefüllt, als in den letzten zehn Jahren zusammen. Gut, eigentlich dürfte mich das nicht überraschen. Schließlich leben wir im Alman-Land, wo in den hiesigen Ämtern scheinbar die Vogonen aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ mit bürokratischer Hand regieren und erst zufrieden sind, wenn man Passierschein A38 in dreifacher Ausführung auf buntem Papier ausgefüllt und bei fünf unterschiedlichen Annahmestellen abgegeben hat. Ein Hoch auf die Bürokratie!
Doch auch unabhängig vom Kampf mit dem Amtsschimmel gibt es einiges zu erleben. Für mich zählen z.B. die Arzttermine, bei denen mit Hilfe von Glibber und einem Gerät, dass wie ein Barcodescanner im Supermarkt aussieht, ein schwarzes Bild an die Wand projiziert wird, zu den Momenten, in denen einem so richtig klar wird, dass sich das eigene Leben verändern wird. Klar, zu Beginn ist das nur ein schwarzweißes Foto, auf dem lediglich ein kleiner Punkt zu erkennen ist, aber im Lauf der Zeit sieht man da auf einmal Gliedmaßen und Bewegungen. Und das soll alles in einem Bauch stattfinden? Ist da wirklich ein Mensch drin? Und ich soll mich um den kümmern? Gruselige Vorstellung! Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass es ein unbeschreibliches Gefühl ist, das kleine Etwas auf dem schwarzweißen Bildschirm zucken zu sehen. Das Wunder des Lebens und so.

Irgendwann dämmert es einem aber, dass das Ding ja auch irgendwie aus seiner Höhle raus muss. Nur wie soll das gehen? Im Rahmen eines „Geburtsvorbereitungskurses“ (ein herrlich deutsches Wort wie ich finde), lassen sich sämtliche Horrorvorstellungen, wie man sie sonst nur aus brutalsten Body-Horror-Streifen kennt, ins eigene Hirn tanken. Warum diskutieren wir seit einer halben Stunde, was man alles mit dem Fruchtkuchen (und nein, damit ist nicht etwa ein Gebäck, sondern ein Stück Gewebe aus dem Bauch der Mutter gemeint, welches man meiner Meinung nach definitiv nicht essen sollte) nach der Geburt so anstellen kann? Moment mal – ist da gerade ernsthaft eine aus Stoff gehäkelte Plazenta an mir vorbeigeflogen? Und warum weinen alle, während wir uns ein Video einer Wassergeburt ansehen, bei der der Inhalt des Planschbeckens, in dem die Frau entbindet, eine ähnliche Farbe wie zwanzig Tage altes Chili hat? Direkt im Anschluss wäre Mittag, aber irgendwie habe ich gar keinen Hunger mehr.
Was auch auffällt ist, dass man plötzlich in der eigenen Familie und Verwandtschaft wieder angesagt ist. Während sich Opas, Omas und Geschwister dank entsprechendem Nachwuchs bisher auf andere Familienmitglieder konzentriert haben, liegt jetzt des Augenmerk auf dem eigenen, ungeborenen Sprössling. Du hast dich weitergebildet und neben der Arbeit ein Studium absolviert? Völlig egal. Aber wehe dem, wenn du an Weihnachten nebenbei im Gespräch fallen lässt, dass du ein Kind erwartest. Schon eskaliert die Party und anhand der allgemeinen Stimmung könnte man meinen, man hat ein Heilmittel für Krebs entdeckt. Selbst von diversen Gebrechen geplagte Boomer fühlen sich auf einmal top fit und tanzen auf dem Tisch. Eine schräge Veranstaltung, aber vermutlich erst der Anfang von all dem, was einen in Zukunft noch erwartet.
Irgendwann wird es dann ernst und der zukünftige Erdling möchte raus aus seinem Bau. Kinder sind bereits vor der Geburt unberechenbar und so kann es sein, dass der Sprössling nicht auf natürlichem Weg (welcher meiner Ansicht nach auch schon extrem abgefahren, mutmaßlich äußerst schmerzhaft und auch irgendwie etwas eklig ist), sondern per Kaiserschnitt auf die Welt kommen möchte. Den Abend vor dem eigentlichen Termin habe ich als richtig seltsam empfunden. Es schießen dir tausend Gedanken in den Kopf und du beginnst zu überlegen, wie sich dein Leben wohl verändern wird. Eines ist mal klar: Ein völlig neuer Lebensabschnitt steht an. Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl, aber irgendwie ist man mit sich „im Reinen“ und plötzlich erscheint alles nicht mehr so schlimm. Ein Kind halten? Kein Thema! Regelmäßiges Wickeln? Null Problemo. Sehr merkwürdig, warum man so empfindet, denn der Nachwuchs ist ja noch gar nicht da und man weiß erst recht nicht, wie man sich so als Elternteil schlagen wird. Ob das ein Schutzreflex der Natur ist, dass man trotz der wilden Faktenlage nicht schreiend aus dem Fenster springt? Wer weiß.

Und dann ist es auf einmal so weit. Der Tag beginnt. Alle Vorbereitungen sind getroffen und es geht ab ins Krankenhaus. Es passiert so unfassbar viel in diesen paar Stunden und im Nachhinein fällt es schwer, alle Emotionen und Erlebnisse einzuordnen. Frei nach dem Motto „Mittendrin statt nur dabei“ darf man sogar im Operationssaal dabei sein. Ich hab mich – gekleidet in Grün und mit Haarnetz bestückt – wie Dr. Turk aus der TV-Sitcom Scrubs gefühlt. Ich finde es erstaunlich, wie viele Leute beteiligt sind und wie viel Vorbereitung es braucht, damit so eine Geburt halbwegs reibungslos vonstatten geht. Du hörst Geräusche, die man sonst nur aus Fernsehwerbespots für Werkzeuge und Gartengeräte wie Bohrhämmer und Kettensägen kennt und irgendwann kommt dann ein schreiendes Etwas hinter einem Vorhang hervor. Ist hier gerade ein UFO abgestürzt und eine intergalaktische Alienfamilie hat ihr schleimiges Kind verloren? Ach ne, ist nur meins. Moment mal – bitte was?
Eigentlich bräuchte man an der Stelle etwas Zeit, um die Eindrücke der letzten Minuten in Ruhe verarbeiten zu können, doch stattdessen bekommst du den mutmaßlichen Außerirdischen (nach einem kurzen Check, der, was die Geschwindigkeit der Handgriffe angeht, einem Boxenstopp bei der Formel 1 in nichts nachsteht) direkt in die Hand gedrückt. „Kümmer dich bitte um mich“ steht in den Augen des Säuglings geschrieben und du versuchst, den kleinen Wurm halbwegs sicher in den Armen zu halten und nicht direkt wieder fallen zu lassen. Diese verflixte Natur! So abstrus die Situation auch erscheinen mag: Auch hier stellt sich schnell ein merkwürdig vertrautes Gefühl ein – als wäre es das völlig Normalste der Welt, dieses winzige Ding gerade in den Händen zu halten.
Wieder bleibt kaum Zeit zu verstehen, was da gerade alles passiert, denn schon warten die ersten, echten Herausforderungen auf die frisch gewordenen Eltern. Derjenige, der das Kind entbunden hat liegt in einem Bett mit einer Wunde, die so aussieht, als hätte Conan der Barbar höchstpersönlich mit seinem Atlantischen Schwert hier beste Arbeit geleistet. Noch völlig ausgeknockt und unter Drogen (okay, Schmerzmittel, aber bei der Dosierung ist wohl nicht viel zwischen beiden um) will der Knirps dann das erste Mal gewickelt werden. Warum sieht das, was da am unteren Ende aus dem kleinen Menschlein herauskommt, so aus, als hätte man den Wurm geteert und gefedert und dabei die Federn vergessen? Feuchttücher! Ein Königreich für mehr Feuchttücher!

Natürlich sind auch die organisatorischen Tätigkeiten in den ersten Minuten und Stunden nicht zu vernachlässigen. Schließlich muss ja dafür gesorgt werden, dass der noch nicht mal einen Tag alte Knirps eine Steuer-ID erhält, damit uns die Behörden mit Briefen und Anträgen ärgern können. Mit zittriger Hand werden also Formulare (natürlich auf Papier – eh klar) ausgefüllt und unterschrieben. Ein Punkt, der auch gerne unterschätzt wird, ist die Kommunikation mit den Angehörigen. Natürlich wollen neugierige Verwandte am besten per Live-Stream, Video-Blog oder News-Ticker über aktuelle Geschehnisse informiert werden. Pro Tipp: Liebe Männer, versucht das zentral für eure Mädels zu übernehmen. Es ist echt unfassbar, wie viel Korrespondenz in solchen Situationen über die Mobilfunkgeräte läuft. Man könnte meinen, der Kleine ist bereits kurz nach seiner Geburt ein Insta- oder TikTok-Sternchen!
Hat man die ersten Tage im Krankenhaus mit diversen, skurrilen Erlebnissen und Untersuchungen überstanden, geht es nach Hause. Es ist ein seltsames Gefühl mit so einem Kind im Auto gen Heimat zu fahren. Sag mal, wer kümmert sich jetzt eigentlich um das Ding? Zu Hause gibt es leider keine Schwester, die in der Nacht bei diversen Problemen helfen kann. Tja, das alles liegt jetzt in eigener Hand und Verantwortung. Zumindest gibt es Unterstützung durch eine Hebamme, welche im Rahmen des „Wochenbetts“ (die sechs- bis achtwöchige Phase direkt nach der Geburt) hin und wieder nach dem Rechten sieht und Werte (Gewichtszunahme, offensichtliche Krankheiten) kontrolliert. So wichtig das auch ist, zur Beruhigung der zu Beginn noch recht fremd wirkenden Situation eines neuen Einwohners im Haus tragen diese Besuche leider nur selten bei. Stattdessen wird man mit tausend Vorschlägen und Ideen konfrontiert, wie man denn am Besten sein Kind behandeln soll. Konkrete Hinweise gibt es leider nur selten, weil ja jedes Kind anders ist und man immer individuell agieren soll. Zitat: „Ihr als Eltern, wisst schon, was am Besten für euer Kind ist“. Super hilfreich das alles – nicht!
Dabei klingen die Aufgaben rund um die Aufzucht eines Säuglings in der Theorie doch ganz einfach: Trinken, kacken, schlafen. Wie schwer kann das schon sein? In der Praxis laufen – gerade in der Anfangszeit – selten alle drei Punkte rund. Meistens ist man schon froh, wenn es wenigstens in einem der drei Gebiete mal gut läuft. Warum trinkt es nicht zuverlässig? Warum bleibt es nicht an der Brust? Warum läuft oben gerade wieder Milch raus? Warum will es einfach nicht einschlafen? Und warum ist eigentlich die Windel schon wieder ausgelaufen? Ein vollgespucktes T-Shirt und nasse Baby-Klamotten um drei Uhr in der Früh. Na, was macht ihr so zu solchen Uhrzeiten?
Ebenso muss man mit einem Schlag das eigene Ekelgefühl komplett ablegen. Zum Glück trägt auch hier die Natur dazu bei, dass man nicht zu viel über all die gruseligen Dinge, die man täglich so erlebt, nachdenkt. Ich könnte beispielsweise nie die Windel eines fremden Kindes wechseln. Allein der Gedanke daran lässt mich zur Kotztüte greifen. Beim eigenen Nachwuchs ist das anders. Scheinbar gibt es einen Schalter im Hirn, der dich schlimme Dinge einfach vergessen (oder zumindest ausblenden) lässt. Das muss wohl auch so sein, schließlich muss ein Säugling ja irgendwie versorgt werden und gäbe es diesen Mechanismus nicht, würde wohl kein Mensch mit nur ein bisschen Grips in der Birne freiwillig Kinder haben wollen.

Vieles was vorher undenkbar schien, wird im Lauf der Zeit einfach „normal“ und man besinnt sich auf die Grundbedürfnisse. Nahrungsaufnahme, Nährstoffausscheidung und Schlaf – sei es nun beim Kind oder bei einem selbst. Wie soll es auch anders sein? Letztendlich ist der Mensch auch nur ein Säugetier. Selten wird einem das so klar wie in dem Moment, in dem man den eigenen Sprössling an der Brust der Mutter nuckeln sieht und dabei dann auch noch versucht, mit anzupacken oder mehr oder weniger hilfreiche Tipps zu geben, als wäre es das Normalste der Welt. Schon irgendwie schräg, oder? Oder wann habt ihr – sofern ihr nicht im medizinischen Umfeld tätig seid – das letzte Mal jemanden eine Spritze gegeben? Irgendwann kommt der Tag, an dem man das mangels Alternative einfach tun muss und anstatt sich groß über die Situation zu wundern, funktioniert man einfach und tut es, als wäre es völlig normal. Schon irgendwie verrückt, dieser menschliche Organismus!
Wisst ihr, woran man auch merkt, dass sich das eigene Leben verändert hat? Wenn man sich dabei ertappt, dass man den Stuhlgang eines Neugeborenen anhand von Farbcodes bestimmen kann. Eine Fähigkeit, von der ich definitiv nicht wusste, dass ich sie mal brauchen werde. Oder kann mir bitte mal jemand sagen, wann ich gelernt habe, völlig übernächtigt um 03:00 in der Früh im Halbschlaf eine Muttermilchpumpe auseinander- und wieder zusammenzubauen? Generell lernt man jeden Tag so viel Neues, doch trotzdem hat man stets den Eindruck, dass man nichts, bzw. zu wenig weiß. Ein durchaus deprimierendes Gefühl. Viel Zeit zum Nachdenken hat man aber eh nicht, denn irgendwie ist alles im Fluss. Die Zeit verschwimmt und selten weiß ich, welcher Wochentag gerade ist.
Und so vergeht Tag für Tag und es gibt immer wieder neue Herausforderungen, die irgendwie bewältigt werden wollen. Selten läuft dabei alles wie geplant und von Plänen sollte man sich generell verabschieden. Auch stehen private Themen und Projekte (wie z.B. das Schreiben von semi-lustigen Texten für einen kleinen Internetblog) erst mal ganz hinten an und es gibt nur noch ganz kleine Zeitfenster, in denen andere Dinge als die absoluten Grundfunktionen (Kindererziehung, Hygiene und Arbeit), erledigt werden können. Wenn Hausarbeiten wie z.B. „Spüler ausräumen“ oder „Wäsche aufhängen“ auf einmal als Freizeit zählen, weißt du, was Phase ist. Das zehrt auf Dauer an den eigenen Nerven und auch die Beziehung zum Partner wird massiv auf die Probe gestellt. Nicht nur mental, sondern auch physisch, denn gerade die eigenen Körperfunktionen werden an ihre absoluten Grenzen gebracht. Schlaf? Was ist das? Das Konzept kennt man nur noch aus grauer Vorzeit. Frage an alle Kinderlosen: Wann habt ihr das letzte Mal drei Stunden in einer Nacht geschlafen? Und das natürlich nicht am Stück, sondern in kleinen Intervallen, jeweils für eine Stunde um 01:00, 03:00 und 05:00 (abzüglich der Zeiten für diverse Fütterungs- und Wickelaktionen versteht sich)? Ach ja, das Programm läuft dann natürlich mehrere Nächte hintereinander genau so ab. Die Party hört einfach nie auf und das Hamsterrad dreht sich unerbittlich. Mein Respekt für Leute mit Kindern ist jedenfalls schlagartig gestiegen, Eltern sind absolute Maschinen!

Puh, klingt das alles abschreckend. Also nix mit Kindern? Schwer zu sagen. Gerade in Momenten, in denen sämtliche Flüssigkeiten aus gefühlt allen Öffnungen des Kindes schießen, denke ich manchmal schon mit etwas Wehmut an die Zeit „vor“, bzw. ohne Kind zurück. Auch lässt sich nicht schönreden, dass man bei eigenen Wünschen und Projekten erst mal deutlich zurückstecken muss. So ertappe ich mich häufig dabei, wie ich mir die Frage stelle: „Lohnt es sich überhaupt, das auf die To-do-Liste zu nehmen oder ist es unwahrscheinlich, dass ich jemals dazu kommen werde?“. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Eltern zu sein, ein tolles, wirklich unbeschreibliches Gefühl ist. Es ist einfach nur faszinierend zu sehen, wie sich der Knirps von Tag zu Tag entwickelt und das durch neue Reaktionen und Bewegungen zeigt. Es gibt einfach jeden Tag etwas Neues zu entdecken – und das nicht nur für den Nachwuchs. Und auch an ganz schlimmen, anstrengenden Tagen hat die Natur mit dem „Baby-Lächeln“ einen Mechanismus geschaffen, der für das ein oder andere vollgespuckte Shirt entschädigt.
Wie bei eigentlich allem im Leben gibt es nie nur Vor- oder Nachteile. Wichtig ist, dass man versucht, sich nicht überfordern zu lassen, Rückschläge nicht negativ, sondern mit Humor sieht und in jeder Situation ruhig bleibt – egal wie seltsam, verfahren oder aussichtslos sie auch erscheinen mag. Mir als altem Pessimisten fällt das manchmal schwer, aber es bleibt einem häufig nichts anderes übrig, als das Positive zu sehen. Ein Vorteil ist zum Beispiel, dass man im Rahmen der Kindererziehung definitiv toleranter gegenüber Geräuschen und Gerüchen wird! 😛
So oder so – in jedem Fall verändert dich ein Kind. Es hält dir den Spiegel vor und zeigt dir deine besten, aber auch deine hässlichsten Seiten. Kinder sind ein Geschenk und man sollte froh sein, wenn man überhaupt die Möglichkeit hat, welche bekommen zu dürfen. So vergleichsweise einfach (und spaßig) der initiale Erzeugungsprozess auch ist, so viel kann leider in den Monaten und Jahren danach schief gehen. Es gibt Leute, denen ist das Glück, sich um ein menschliches Lebewesen kümmern zu dürfen, nicht vergönnt.
Ich sehe das mittlerweile pragmatisch. Ob man Entscheidungen im Leben bereut, weiß man eh erst immer danach und häufig erfährt man das nie. Oder könntet ihr aus dem Stegreif beantworten, ob eure Berufswahl, euer Wohnort oder eure generelle Lebenssituation exakt das ist, was ihr euch immer vorgestellt habt? Nicht wirklich, oder? Alles ist im Fluss und man muss es nehmen, wie es kommt. 🙂

Apropos Fluss. Ihr wollt keine Kinder oder seid euch noch nicht sicher? Wer etwas Abschreckung benötigt, dem kann ich empfehlen, mal die Wörter „Wochenfluss“ oder „Dammriss“ zu googeln. Ein naiver retrololo hat das bisher für Begriffe aus dem Handbuch des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts gehalten. Es sind diese Momente, in denen man Suchmaschinen mit Bilder- und Videoergebnissen verteufelt…
Fun Fact: Damit sollte auch die offene Frage aus Artikel 376, warum es in letzter Zeit nicht ganz so viele neue Beiträge gegeben hat, beantwortet sein. Doch keine Angst, es wird definitiv weitergehen. Bald auch wieder mit technischen Projekten und Spielereien. Beim nächsten Mal werfen wir allerdings nochmal kurz einen Blick auf ein etwas abstraktes Thema. Bleibt gespannt! 🙂
In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!