#206 – Poppy DR-216

Wisst ihr noch? In Artikel 195 haben wir einfach den armen, defekten DR-216 Klappzahlenwecker geschlachtet um Ziffernblättchen für unser DR-236-Modell zu bekommen!

Das hat zwar prima funktioniert und ich hatte „damals“ auch kein schlechtes Gewissen (weil das Gerät ja eh defekt ist), aber wenn ich ehrlich bin tut mir das Teil nun doch irgendwie leid.

Was war denn eigentlich der Defekt des Geräts? Vielleicht lässt es sich ja doch reparieren? Das Radio habe ich soeben getestet, das funktioniert immer noch ohne Probleme:

Ach ja – ich erinnere mich: Das Uhrwerk läuft nicht, weil der Antrieb (also der Synchronmotor) nicht funktioniert. Ob dieser wohl kaputt ist?

Um das zu überprüfen, sollten wir versuchen das Uhrwerk (Klappzahlenmechanismus samt Motor) auszubauen.

Damit das klappt, muss die Bodenplatte aus Plastik, auf welcher das gesamte Innenleben aufgebaut ist, von der Gehäuseunterseite gelöst werden. Gut, dass das Ding mit nur acht Schrauben am Gehäuse befestigt ist. Sobald diese gelöst sind, lässt sich das gesamte „Innenleben“ herausnehmen.

Fun Fact: Fragt mich jetzt bitte nicht mehr welche acht Schrauben es genau waren. Je mehr man in solchen Basteleien vertieft ist, desto schneller verliert man den Überblick! 😀

Anschließend können die vier Schrauben auf der Unterseite der Bodenplatte, welche den Mechanismus befestigen, gelöst werden.

Fun Fact: Beim Nachfolgemodell DR-236 waren diese vier Schrauben von außen (also von der Unterseite des Geräts) zugänglich. Beim DR-216 wirkt alles noch etwas kompakter (ich würde sogar so weit gehen und sagen etwas „professioneller“) verbaut und verkabelt. Schon merkwürdig, wenn man bedenkt, dass es sich bei dem Ding eigentlich um das Vorgängermodell handelt. Lediglich der Lautsprecher wirkt wesentlich schlechter und kratziger als beim DR-236!

Komplett lose bekommen wir den Mechanismus wohl nicht, denn dafür müsste man die Stromleitungen zur Glühbirne sowie zum Motor ablöten und darauf möchte ich gerne verzichten! 😉

Um dennoch etwas mehr Spielraum zu bekommen können wir auch noch den „Weckschalter“ (Auslösen des Weckalarms) welcher auf der Rückseite des Mechanismus befestigt ist abschrauben:

Zumindest lässt sich der Motor relativ einfach durch das Lösen zweier Muttern vom restlichen Klappmechanismus trennen. Auf der Rückseite des Motors findet sich eine orangene Plastikabdeckung, welche die einzelnen Zahnräder zum Antrieb der Klappzahlen vor Staub und Dreck schützen soll. Diese habe ich bei der Gelegenheit gleich mal zerbrochen! 😀

Das war natürlich keine Absicht, aber im Endeffekt ließ es sich nicht vermeiden. Das Plastik ist im Lauf der letzten fast 50 Jahre extrem porös geworden und ist mehr oder weniger von selbst in kleinen Einzelteilen herausgebröselt – shit happens! 😉

Schon wirklich beeindruckend, wie simpel der Antrieb aufgebaut ist. Die Energie des Motors wird einfach mit Hilfe verschieden großer Zahnräder auf den Klappzahlenmechanismus übertragen – einfach aber genial!

Halt – jetzt bloß nicht wieder ablenken lassen! Schließlich wollten wir uns doch um den Motor kümmern. Ich war so mutig und habe das Gerät, bzw. den Motor im ausgebauten Zustand unter Strom gesetzt. Dabei fällt auf, dass sich die Welle ganz leicht bewegt, bzw. etwas „zuckt“. Ok, das ist jetzt etwas blöd, denn das kann man leider auf einem Foto nicht wirklich erkennen – sorry! 😛

Fun Fact: Bitte wundert euch nicht, dass auf diesen Bildern die orangene Plastikabdeckung noch intakt ist. Scheinbar habe ich die Fotos in einer anderen Reihenfolge aufgenommen. Manchmal ist es schwierig im Nachhinein für einen Blogbeitrag die einzelnen Schritte logisch zu sortieren… 🙁

Aha! Sobald man den Motor händisch etwas anstupst, läuft er tatsächlich an – leider nur langsam und sehr stottrig. Immerhin ein gutes Zeichen – der Antrieb scheint prinzipiell in Ordnung zu sein! 🙂

Meine Vermutung ist, dass sich im Lauf der Jahre etwas Schmierung (Öl oder Fett) im Inneren des Motors an der Welle festgesetzt hat und so einen runden Lauf verhindert. Um das gute Stück wieder gängig zu machen, habe ich etwas Feinmechaniköl über eine Öffnung auf die Welle geträufelt:

Damit sich das Öl gut verteilt, sollte man den Motor mehrere Male hin- und her bewegen und anschließend ein paar Stunden laufen lassen. Was soll ich sagen? Wer hätte gedacht, dass ein Tropfen Öl ausreicht um das Uhrwerk wieder zum Laufen zu bekommen! Echt genial! 🙂

Soweit so gut, jetzt können wir den Klappzahlenmechanismus samt Motor wieder einbauen:

Bleibt nur noch ein Problem zu lösen: Die fehlenden Klappzahlentäfelchen!

Zur Erinnerung: Ich hatte ja einige der Ziffernblättchen aus diesem Gerät entfernt um damit das Klappzahlenradio DR-236 zu reparieren…

Mann, das ist schon sau blöd – im Endeffekt stehen wir jetzt vor dem gleichen Problem wie damals in Artikel 194. Hm, mal überlegen, was war denn das Problem der defekten Plättchen? Nun, die Ziffern halten nicht mehr im Uhrwerk, weil auf einer Seite die Plastiknase abgebrochen ist!

Fun Fact: Bei der Recherche nach Ersatzteilen bin ich auf einen interessanten Hinweis gestoßen, wie sich die Täfelchen theoretisch mit Hilfe von Backpulver und Sekundenkleber reparieren lassen. Ich habe ja viel Geduld, aber das sieht selbst mir zu aufwändig und fehleranfällig aus. Vielleicht würde ich es probieren, wenn nur ein Täfelchen gebrochen wäre, aber insgesamt sind es 15 Stück – nein danke! Hut ab vor allen, die versuchen die Plättchen zu reparieren. Das sieht mega fummelig aus!

Ich habe echt lang nach passenden Ersatzteilen gesucht und bin erst durch viel herumfragen in diversen Foren auf eine Lösung gekommen. Mit Robert habe ich einen Klappzahlenuhr-Enthusiasten aus Irland gefunden, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat solche Uhren zu restaurieren. Über seine Homepage oder seinen Etsy-Shop verkauft er neben restaurierten Modellen auch Ersatzteile!

Zwar hat er offiziell keine Täfelchen im Angebot, aber auf Nachfrage meinerseits und einem anschließenden, sehr netten fachlichen Austausch hat er mir ein personalisiertes Angebot gemacht, was ich nicht ablehnen konnte! 😉

Nur wenige Tage später sind die intakten Täfelchen aus Irland dann tatsächlich bei mir eingetroffen. Schon unfassbar, dass es tatsächlich exakt für mein Modell passende Ziffern sind! Andererseits wundert das nicht, schließlich hat der gute Robert bestimmt seinen ganzen Keller voller Ersatzteile! 😉

Fun Fact: Diese Art von Plättchen wurde überwiegend in Uhrwerken der japanischen Firma Copal verbaut. Wie kommen sie also in unseren Poppy-Radiowecker? Ganz einfach – die Firma Lehnert GmbH aus Saarbrücken verkaufte unter dem Markennamen „Poppy“ gerade in den Siebzigerjahren zahlreiche aus Japan importierte Geräte unter eigenem Design! 😉

Als erstes müssen wir mal die passenden Plättchen heraussuchen – eine mühsame Arbeit…!

Gespräch unter Kollegen: „Und? Was hast du so am Wochenende so gemacht?“ retrololo: „Ach, ich war in meinem Keller gesessen und habe die Klappzahlentäfelchen eines 47 Jahre alten Radioweckers sortiert!“ Kollege: „Ähm, ooookaaaay… Sicherheitsdienst! Bitte abführen!“ 😛 😀

Das Einsetzen der einzelnen Täfelchen geht verhältnismäßig schnell – das haben wir ja bereits in Artikel 195 fleißig geübt! 😉

Nur das Saubermachen der Klappzahlentäfelchen war eine echte Sisyphusarbeit. Hier hilft nur ein Berg voll Wattestäbchen, etwas Isopropyl-Alkohol und verdammt viel Geduld!

Fun Fact: 60 Minuten später (wer hat den Witz verstanden?) sind die Täfelchen endlich gereinigt. Spaß beiseite – in Wirklichkeit waren es leider deutlich mehr als 60 Minuten, denn was mir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal klar wurde, ist wie viel Täfelchen eigentlich in der Uhr verbaut sind! Insgesamt sind es 60 Stück für die Minuten und 48 für die Stunden (nach 30 Minuten klappt die Stundentafel auch mit um, daher sind die Stunden „doppelt“ vorhanden). Das macht insgesamt 216 zu reinigende Flächen – uff! Warning: Several Q-Tips were harmed during this restoration! 😛

Trotzdem finde ich, es hat sich gelohnt. Jetzt sieht die Anzeige wieder richtig sauber aus! 🙂

Mal überlegen – was fehlt denn jetzt eigentlich noch? Ach ja – die Beschriftung auf der Oberseite! Das Problem ist, dass der Aufdruck fehlt (ich vermute abgerieben oder verblichen) und man so nicht weiß, welcher Knopf was tut. Aus diesem Grund hat der Vorbesitzer vermutlich einen handgeschriebenen Zettel mit Hinweisen auf die Unterseite des Geräts geklebt! 😉

Fun Fact: Um herauszufinden wie das im Original ausgesehen hat, habe ich mir die Bilder von ein paar ausgelaufenen/verkauften eBay-Auktionen angesehen. Häufig fehlt dort auch schon die Farbe, nur bei einem Modell (ganz unten im Bild) kann man die Beschriftung noch erkennen.

Um ehrlich zu sein, ist mir das aber nicht so wichtig, dementsprechend habe ich mich für eine sehr einfache Lösung entschieden. Letztendlich habe ich nur ein Stück Klebefolie mit dem Drucker bedruckt und an die freie Stelle auf dem Gehäuse aufgeklebt. Damit die Farbe des Tintenstrahldruckers nicht verläuft, habe ich einfach eine zweite Folie drüber geklebt. Das könnte man sicher besser (und vor allem originalgetreuer) machen, aber dafür bräuchte man eine andere Folie, einen anderen Drucker, usw. Alles Dinge, die ich mir nicht extra nur für dieses eine Projekt anschaffen möchte! 😉

Endlich können wir den Radiowecker wieder zusammenschrauben. Gott sei Dank! 😀

Fun Fact: Ich habe natürlich vorher noch das Gehäuse sowie alle Griffteile gereinigt. Seht es mir nach, dass ich für die Reinigungsarbeiten keine Bilder mehr gemacht habe. Das ist keine wirklich spannende Arbeit und ich möchte euch nicht weiter langweilen! 🙂

Ich denke ich kann mit dem Ergebnis zufrieden sein. Alles funktioniert so wie es soll und auch optisch sieht das Ding deutlich besser aus als vorher.

Fun Fact: Was mir tatsächlich erst beim Zusammenbau aufgefallen ist – auf der Rückseite befindet sich sogar eine Kopfhörerbuchse. Ich habe es ausprobiert – sobald man ein paar Ohrstöpsel anschließt wird der Lautsprecher stumm geschalten und der Klang kommt nur noch aus dem Kopfhörer. Die Lautstärke lässt sich aber trotzdem mit dem Lautstärkeregler auf der Oberseite steuern – cool! 🙂

Natürlich funktioniert auch die kleine Glühbirne, sodass man auch im Dunkeln noch die Zeit ablesen kann. Alternativ kann man das Radio jetzt als angenehmes Nachtlicht, welches gegen die Monster unter dem Bett hilft, verwenden! 😉

Bei mir steht das gute Stück aktuell auf einem Regal neben dem Billardtisch. So vergesse ich beim Billard spielen nicht die Zeit und kann gleichzeitig – mit Hilfe des Raspberry Pi FM-Transmitters aus den Artikeln 13 und 18 – etwas Musik darüber hören! 🙂

In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!