Wer hätte es gedacht? Pokémon ist immer noch angesagt. Dank „Pokémon Go“ sogar mehr denn je!

Okay, das ist nichts Neues. Gerade rund um die Jahrtausendwende war der Hype um die Taschenmonster riesig, aber ich hatte immer den Eindruck, dass die Popularität von Pokémon im Lauf der letzten Jahre etwas abgenommen hat. Die Verkaufszahlen neuerer Spiele konnten nicht mehr an den Erfolg der Spiele der ersten Generation anknüpfen und erst seit ein paar Jahren stellt sich eine Trendwende ein. Warum das Franchise seinen zweiten Frühling erlebt? Ich vermute, es hat etwas mit den überragenden Verkaufszahlen der Nintendo Switch zu tun, aber was weiß ich schon.
Vielleicht liegt die Kehrtwende zurück zum Erfolg aber auch an der Tatsache, dass die Leute, die mit den Pokémon-Spielen aufgewachsen sind, jetzt selbst Eltern sind und die Spiele samt Erinnerungen an ihre Sprösslinge weitergeben. So war das zumindest bei meinem Neffen. Mittlerweile kann der Kleine einen Game Boy bedienen und kennt die Namen und Evolutionsstufen sämtlicher Pokémon bereits deutlich besser als sein Vater oder Onkel. Irre, was Kinderhirne leisten können!
So wunderte es mich nicht, als der folgende Geburtstagswunsch angekündigt wurde: „Ich will das Spiel haben, wo man ein Lugia fangen kann“, hieß es da. Als Pokémon-Veteran der ersten Stunde weiß man natürlich, dass damit die Spiele der 2. Generation für den Game Boy Color gemeint sind.

Die silberne Edition, welche sogar Lugia als Pokémon auf dem Cover hat, sollte der ideale Kandidat für ein Geburtstagsgeschenk sein. Wisst ihr was? Es ist wirklich krass, für was diese Module heutzutage gehandelt werden. Bis vor ein paar Jahren hätte man so ein Spiel für ca. 10-15€ kaufen können, doch von solchen Summen ist man mittlerweile meilenweit entfernt. Ich bin froh, dass ich nach längerer Suche ein gut erhaltenes Exemplar zu einem vertretbaren Preis ergattern konnte:

Wie es bei fast allen Game Boy Spielen, welche die Spielstandsdaten per SRAM-Chip und Knopfzelle verwalten, der Fall ist, müssen wir auch hier die Batterie tauschen. Gut, dass das nur eine Kleinigkeit ist, die wir (z.B. in Artikel 95) schon häufig genug geübt haben.

Alles klar. Pokémon ist wieder „in“ und der Geburtstag ist gerettet. Aber hat es dafür diesen Beitrag gebraucht? Natürlich nicht, denn wie so häufig, steckt etwas mehr hinter dem eigentlichen Thema! 😉
Der Verkäufer, von dem ich das Pokémon-Modul erworben habe, hat mir ein zweites Spiel mit in das Paket gelegt. Er meinte, er wüsste nicht was das ist und er hat keinen Game Boy mehr, um es auszuprobieren.

Aufgrund der zweifarbigen Modulhälften (oben blau, unten grau) würde ich mal vermuten, dass es sich um eine japanische Version von „Pokémon Gold“ handelt, so wie wir sie schon mal in Artikel 356 gesehen haben. Um genaueres sagen zu können, sollten wir das gute Stück mal aufschrauben und schauen, wie die Platine aussieht.

Oha?! Was um alles in der Welt ist das?

Anhand der verbauten Chips sowie der genutzten COB-Technologie (Chip-on-Board), welche einen eher günstigen Fertigungsprozess suggeriert, lässt sich recht schnell sagen, dass es sich dabei nicht um ein originales Modul von Nintendo, sondern um eine Fälschung (ein sog. „Bootleg“) handelt.

Das ist erst mal nichts ungewöhnliches, denn im Lauf der Jahre sind zahlreiche Fälschungen und Reproduktionen – gerade von populären Game Boy Spielen wie der Pokémon-Reihe – entstanden. Manchmal lohnt sich aber trotzdem ein Blick darauf, denn viele dieser Module enthalten spezielle, teils abgespeckte Versionen (z.B. Betas, Prototypen, etc.) mit deutlichen Unterschieden zu den im Verkauf angebotenen finalen Spielen.
Theoretisch können wir das Modul einfach in einen Game Boy oder Game Boy Color stecken, aber davon lassen sich immer so schlecht Bilder schießen. Besser wir lesen die ROM-Datei fix per GB Cart Flasher (siehe Artikel 93) von dem Chip auf der Platine aus und übertragen sie auf einen PC. So sollte sich das Spiel in einem Emulator spielen lassen.

Was sofort auffällt ist, dass die ROM-Datei nur 1.024 Kilobyte groß ist. Das hat mich zuerst überrascht, aber tatsächlich ist das nichts besonderes. Während die internationalen Releases von Pokémon Gold und Silber 2.048 kB groß sind, sind ihre japanischen Gegenstücke tatsächlich nur ein Megabyte groß. Ich vermute, dass liegt daran, dass lateinische Schriftzeichen im Vergleich zu japanischen deutlich mehr Platz benötigen. Ebenso wurden einige Programmierfehler behoben, bevor die Spiele über den großen Teich in den Westen kamen.

Jetzt wird es aber Zeit, das Spiel in einen Emulator zu werfen und zu prüfen, ob es sich wirklich um eine japanische Version von Pokémon Gold handelt. Scheinbar lagen wir mit dieser Einschätzung nicht falsch, allerdings bin ich schon etwas überrascht, dass uns anstelle des Nintendo-Logos ein riesiger Schriftzug („Pokémon World“) sowie Pikachu höchstpersönlich begrüßt?!

Was auch sofort auffällt ist, dass die Texte nicht japanisch, sondern englisch sind. Sehr bizarr!

Ansonsten wirkt das Spiel komplett normal und spielt sich so, wie der Anfang einer originalen, goldenen Pokémon-Edition. Wir beginnen in unserem Zimmer, plauschen etwas mit Mama und bekommen bei Prof. Lind unser erstes Pokémon.

Moment, was rede ich denn da? Ich meine natürlich Prof. „Utsugi“. Während alle Texte im Spiel englisch zu sein scheinen, sind die Namen von Personen, Orten und Pokémon auf japanisch.

Die Schriftart, die für die englischen Texte gewählt wurde, ist recht fett und so stehen tatsächlich nur fünf (!) Buchstaben für die Namen der Pokémon und Trainer zur Verfügung. Entsprechend abgekürzt klingen einige der Taschenmonster:

Die optische Gestaltung der Menüs sowie die Anordnung von Texten und Grafiken scheint schon von einer japanischen ROM zu stammen. So sieht z.B. der Pokédex oder der Texteingabe-Bildschirm etwas anders aus, als wie man es von der internationalen Version gewohnt ist.

Was die englische Übersetzung angeht, merkt man, dass kein Muttersprachler am Werk waren. Fast jede Textzeile steckt voller grammatikalischer Fehler. Beispiele gefällig?

Passend dazu mangelt es natürlich auch nicht an Rechtschreibfehlern. Hier nur eine kleine Auswahl:

Zu allem Überfluss ist die Übersetzung auch maximal inkonsistent. Der werte Mr. Pokémon wird z.B. von einigen Personen „Uncle Pokémon“, von anderen dagegen „Grandpa Pokémon“ genannt. Professor Lind heißt im englischen eigentlich „Professor Elm“, wird hier aber „Utsugi“ (nach dem japanischen Vorbild) genannt und kann sich scheinbar nicht entscheiden, ob er ein Doktor oder ein Professor ist. Schlimmer ergeht es nur Professor Eich. Dieser ist sich seines Nachnamens unsicher und wird (neben der unklaren Berufsbezeichnung als Professor oder Doktor) manchmal als „Oak“ und manchmal als „Okido“ bezeichnet.

Einige Zeilen wirken, gerade wenn man sie ohne Kontext liest, dank der schiefen Übersetzung urkomisch und machen vermutlich den größten Reiz aus, sich auf das linguistisch herausgeforderte Abenteuer einzulassen. „BUT FIRST, SAY BYE TO YOUR MOM“! 😛

Die paar Wörter, die dann konsistent übersetzt wurden, wurden falsch, bzw. sehr unglücklich übersetzt. Jeder weiß, dass die Früchte in Pokémon, die von Bäumen geerntet werden können, „Beeren“ genannt werden. Die Bezeichnung als „Nüsse“ ist in vielen Dialogen eher suboptimal! 😀

Ich könnte vermutlich noch zig weitere Beispiele heraussuchen, aber ich denke man kann anhand der gezeigten Bilder schon die Qualität der Übersetzung abschätzen. Trotzdem bleibt noch eine Frage zu klären: Was zur Hölle hat es denn jetzt mit dem Modul auf sich? Haben wir hier etwa eine bisher nicht entdeckte Beta-Version oder einen längst verschollen geglaubten ROM-Hack gefunden? Oder ist es am Ende nur eine sehr schlechte Übersetzung? Letztendlich stimmen alle diese Vermutungen, allerdings gibt es sogar eine Hintergrundgeschichte zu der Version!
Mit etwas Recherchearbeit lässt sich herausfinden, dass es sich bei diesem merkwürdigen Mischmasch tatsächlich um die Übersetzung der japanischen Basis-ROM mit englischen Texten aus dem Jahr 2000 handelt. Wer sich für die Übersetzung verantwortlich zeigt, ist leider nicht überliefert. Die Vermutungen legen nahe, dass es sich um eine Chinesische / Taiwanesische Firma handelt. Das spannende an der Version ist aber, dass dieses Bootleg wohl bereits einige Monate vor der offiziellen Veröffentlichung von Pokémon Gold und Silber im Westen (also konkret in Amerika) im englischsprachigen Raum vertrieben wurde! Ist das nicht abgefahren? xD
Fun Fact: Das erklärt auch, warum die Namen der ersten 151 Taschenmonster korrekt ins Englische übersetzt wurden, aber bei den neuen 100 Monstern der zweiten Generation einfach auf die japanischen Versionen der Namen (bzw. die ersten 5 Stellen davon) gesetzt wurde! 😀

Damit ist das Modul definitiv ein Relikt seiner Zeit. Heutzutage werden Spiele auf der ganzen Welt am gleichen Tag veröffentlicht und digital vertrieben. Irgendwie verrückt, dass man damals im Westen teils ein bis zwei Jahre warten musste, bis die Spiele über den großen Teich schwappten und lokalisiert wurden. Umso cleverer, dass manche Firmen diese Marktlücke erkannten und sich selbst um den Import sowie die Anpassung der Texte für den Westen gekümmert haben. 🙂
So, ich denke viel mehr gibt es über dieses Kuriosum nicht zu sagen. Wer das Spiel mal ausprobieren möchte, findet es sicherlich in den Untiefen des Internets. Ich fand den kleinen, ungeplanten Ausflug in die Welt schlecht übersetzter Pokémon-Begriffe jedenfalls sehr kurzweilig. Jetzt müsst ihr mich aber entschuldigen. Ich muss dann mal los, denn „MY POPOK IS STRAWBERRY“! 😛

In diesem Sinne – bis die Tage, ciao!